Sind Fahrende Menschen zweiter Klasse?

Menschen zweiter Klasse?
Zum Artikel «Fahrende sind in Wetzikon unerwünscht» im ZO vom 13.2.2020
Die Planungskommission der Region Zürcher Oberland schlägt als Durchgangsplatz für Fahrende das Dreieck zwischen den Bahngleisen nach Uster und nach Kempten sowie dem Wildbach vor. Davon will der Wetziker Stadtrat nichts wissen.
Es steht ausser Frage, dass die Erschliessung schwierig und teuer wäre. Ebenso wäre der Schutz des Gewässerraums problematisch, was die Nutzung des Geländes massiv einschränken würde.

Unwürdige Argumentation
Statt es bei dieser sachlichen Argumentation zu belassen, begibt sich der Stadtrat auf eine menschenunwürdige Ebene, indem er die Gründe der Abteilung Bevölkerung und Sicherheit übernimmt, welche auf die Fahrenden als Menschen abzielen und deren Lebensweise abwerten.
Die Fahrenden hatten im Jahr 2017 die Wetziker Polizeiverordnung nicht studiert und es deshalb versäumt, für die Benutzung des Chilbi-Platzes bei der Abteilung Sicherheit eine Bewilligung einzuholen. Das Einverständnis des Eigentümers hatten sie wohlgemerkt. Als Argument gegen den nun vorgeschlagenen Standort taugt dieses Versäumnis sicher nicht; denn bei einem festen Durchgangsplatz dürften die Spielregeln klar sein und solche Missverständnisse ausbleiben.

Priorität Ausgehquartier?
Scheinheilig ist ein weiterer Einwand der Abteilung Sicherheit, wonach sich in unmittelbarer Nähe des vorgesehenen Standplatzes ein Ausgehquartier befinde mit Lokalen wie dem Ice-Cube, der Kulti, der Hall of Fame sowie Erotikbetrieben. Das würde zu Konflikten führen.
Gewiss ist die Szene jetzt schon vielfältig und für die Polizei anspruchsvoll. Fahrende sind aber keine Menschen zweiter Klasse, denen man deswegen das Recht auf einen Standplatz absprechen kann.

Events willkommen – Fahrende nicht
Die gleiche negative Haltung kam in der Fragestunde des Wetziker Parlaments vom September 2017 zum Ausdruck. Stadtrat Marco Martino hatte ausgeführt, weshalb der Platz im Mattacker sich als Standort für Fahrende nicht eigne. Er sei das ganze Jahr über stark belegt. Martino erwähnte über zwanzig Belegungen (die zum Teil überhaupt nichts mit dem Kiesplatz zu tun haben) wie das Schwimmbad, die Kunsteisbahn oder die Fussballplätze, aber auch die Züri Oberland Mäss, Generalversammlungen, die Chilbi, Flohmärkte, das Pub Festival oder Parkierungen des Militärs. Für alles und alle hat es Platz – nur für Fahrende nicht.

Dichte Besiedlung erfordert Toleranz
Tatsache ist doch, dass das ganze Mittelland dicht besiedelt ist. Es wird immer jemand gestört, wenn etwas gebaut wird, sei es eine Villa, eine Strasse, ein Werkhof oder eben ein Durchgangsplatz für Fahrende. Fahrende gegen andere Menschen und ihre Bedürfnisse auszuspielen, finde ich unerträglich.
Ob und allenfalls welche weiteren Standplätze in der Region zur Diskussion stehen, weiss die Bevölkerung nicht. Ich hoffe, dass andere Gemeinden zur Frage eines Durchgangsplatzes sachlicher Stellung nehmen als der Wetziker Stadtrat.

 

Barbara Spiess, Gemeinderätin SP, Wetzikon